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Der Gesamtplan zur Enthospitalisierung der Riebeckstraße 63. Ein Rückblick nach 35 Jahren
zum Gedenken an Peter Schütt +2013 Klaus Weise +2019 und Daniel von Traxel +1996
Von Ulrich Kießling
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Der Plan zur Enthospitalisierung der Riebeckstraße entstand im Sommer 1991 in Vilamaniscle. Mit Peter Schütt, Dominique Arnaud und unseren Kindern war ich damals für einen Ferienaufenthalt in das verschlafene Nest mit 185 Einwohnern am Fuße der katalanischen Pyrenäen gereist. Wir planten ein Konzept zu erarbeiten für die Enthospitalisierung der Langzeitpsychiatrie in Leipzig. Ausgenommen blieben die Langzeitbereiche von Altscherbitz und von Dösen, es sei denn es handelte sich um Patienten, die wir namentlich identifizieren konnten als frühere Einwohner des Quartiers, welches die Uniklinik versorgte. Der Plan wurde 1992 intern veröffentlicht und den vorgesehenen Kooperationspartnern zugänglich gemacht: der Stadt Leipzig und der Psychiatrischen Klinik Leipzig-Dösen1. Schon nach wenigen Wochen fand auf Initiative des damaligen Krankenhausdirektors von Leipzig-Dösen eine Konferenz im Verwaltungsgebäude der Klinik statt. Es entstand eine inhaltliche Kontroverse mit der damaligen kommissarischen Leiterin des Langzeitbereichs, Sanitätsrat Panthenius: Sie beschrieb die zur Enthospitalisierung vorge-sehenen Patient:innen als schwer krank und für ein selbstständiges Leben ungeeignet – und ich entgegnete, sie als langjährige Anstaltspsychiaterin sei schlicht inkompetent das zu beurteilen. Nach einer kurzen hitzigen Diskussion konzentrierte sich die Veranstaltung dann auf die Frage, inwieweit „Das Boot e.V.“ als rechtlicher Träger hinreichend Sicherheit bieten könnte und endete in einem Eklat: Der westdeutsche Berater des »Paritätischen Wohlfahrtsverband Sachsen«, unseres eigenen Spitzenverbands, vertrat die Ansicht, das „Boot“ wäre mit einer soliden Haushaltsführung schlicht überfordert, was sich auch darin zeige, dass die Organisation in kurzer Zeit drei Geschäfts-führer verbraucht habe. Dem damaligen Zeitgeist entsprechend wurde diese Aussage als maßgeb-lich angenommen, und der Gesundheitsdezernent Dr. Zimmermann2 (der das Anliegen der Enthos-pitalisierung als solches unterstützte) entschied, stattdessen werde die Stadt übergangs-weise diese Aufgabe weiter leisten. Die inhaltlichen Impulse aber sollten vom Enthospitalisierungsteam, also aus dem „Boot“ kommen, und die mit der Trägerschaft Beauftragten der Stadt Leipzig würden sich das Konzept zu eigen machen sollen. Ich hatte große Zweifel, ob die Stadt in der Lage wäre, das inhaltlich sehr anspruchsvolle Konzept der Selbstauflösung umzusetzen – und bemühte mich nach monatelanger Mitarbeit im Enthospitalisierungsbeirat um eine neue berufliche Aufgabe.
»Das Boot« [3] war ein psychosoziales Gemeindezentrum in der Philipp-Rosenthal-Straße in Leipzig; es war Teil meiner Konzeption zur komplementären psychiatrischen Versorgung von Leipzig Süd, entwickelt aus dem Team von Prof. Klaus Weise [4] aus der Psychiatrischen Universitätsklinik Leipzig heraus. Schon seinerzeit mitgedacht war die Enthospitalisierung von ehemaligen Patient:innnen in der Langzeitpsychiatrie, überwiegend im BKH Leipzig-Dösen, Klinik für Langzeitpsychiatrie und Rehabilitation [5] aber auch in anderen sächsischen Kliniken (die Verlegung dorthin war zuvor aus der Universitätsklinik, also dem Sektor Leipzig Süd erfolgt).
Zu den ehemaligen Patient:innen aus der Uniklinik lag eine medizinische Diplomarbeit6 vor; außerdem hatte ich Recherchen sowohl in den Langzeitbereichen von Dösen, Altscherbitz wie in der Nervenklinik Waldheim unternommen und dabei Kontakt geknüpft mit einigen Insass:innen Dösens wie Daniel von Traxel, C. T. und K-Chr. Z.
[1] Es handelt sich um die umgangssprachlichen Benennungen psychiatrischer Einrichtungen, die sich in den letzten 35 Jahren teilweise verändert haben: Aus Dösen wurde das Parkkrankenhaus, aus dem Verein zur Wiedereingliederung wurde der Gutshof Stötteritz etc. Ich benutze jeweils die zeitgenössischen Eigennamen
[2] Dr. Zimmermann war als Anästhesist im damaligen Bezirkskrankenhaus für Psychiatrie häufig konsiliarisch für die psychiatrischen Bereiche tätig. Er war u.a. verantwortlich für Kurznarkosen im Rahmen der Elektrokrampftherapie und kannte die Bedingungen in der Psychiatrie in der DDR daher aus erster Hand.
[3] Dieser Prozess benötigte nur wenige Wochen, weil wir auf die Räume der ehemaligen Wochenkrippe der Karl-Marx-Universität zugreifen konnten, die im Zuge der „Wende“ geschlossen worden war - und wir konnten über
4Weise hatte sich inhaltlich nur wenig eingebracht. Er war der Ansicht, die komplementäre Versorgung wäre eigentlich Aufgabe des ambulanten Teams. Dennoch hatte er mich ein Jahr für das Projekt freigestellt, von meiner Anstellung als Fürsorger der Ambulanz.
[4] Weise hatte sich inhaltlich nur wenig eingebracht. Er war der Ansicht, die komplementäre Versorgung wäre eigentlich Aufgabe des ambulanten Teams. Dennoch hatte er mich ein Jahr für das Projekt freigestellt, von meiner Anstellung als Fürsorger der Ambulanz
[5] Dazu gehörte zumindest informell damals auch die Einrichtung Riebeckstraße, geleitet von den Psychiatrieveteraninnen Frau Sanitätsrat Panthenius und Frau OÄ Dr. Brauer als Leiterin der forensischen Männerabteilung.
Seite 2 Bildrechte: Peter Thieme „170 Jahre Einsamkeit, Berlin“