|
Seite3
Unser Anspruch war ziemlich radikal gemeindepsychiatrisch: Wir lehnten Heimunterbringungen rundheraus ab; der institutionelle Zugriff auf den Alltag der Menschen erschien uns ein Über-bleibsel des Totalitarismus. Alle Menschen, die in einer bestimmten Gemeinde lebten, sollten ausdrücklich das Recht beanspruchen können, dort ihren Lebensmittelpunkt zu behalten, auch wenn sie erkrankten oder verarmten. Das Lebensrecht in einer definierten Ortschaft oder Gemeinde erschien uns als soziales Grundrecht, das nicht durch eine Erkrankung verwirkt werden konnte.
Die gemeindepsychiatrische Grundversorgung sollte, auf der Grundlage neuer Vorstellungen im Zusammenhang mit der Vereinigung mit der BRD, durch einen sogenannten freien Träger ermöglicht bzw. verwirklicht werden. Das Boot e.V. sah sich dabei als Vorreiter und wollte vordringlich die Lebensbedürfnisse der psychisch erkrankten Bewohner:innen aus Leipzig Süd sichern (PLZ-Bereiche 7010 und 7030).
Das Projekt Riebeckstraße verfolgte insofern ein abweichendes Konzept: Alle Bewohner:innen aus der Einrichtung sollten zurück in ihre ursprünglichen (Heimat-)Quartiere ziehen können. Um ihnen das Leben dort zu ermöglichen, sollten die Pflegekräfte der fünf Stationen ebenfalls „enthospitalisiert“ werden und zukünftig in ambulanten psychiatrischen Pflegediensten tätig werden; so wurden fünf Enthospitalisierungsteams gebildet. Die Leitungen waren Personen mit Berufserfahrung in der Psychiatrie, die aus dem Umfeld des „Boots“ und der Psychiatriebetroffeneninitiative „Durchblick e.V.“ an die Projektgruppe herangetreten waren. Im Einzelnen handelte es sich um: die frühere Mitarbeiterin des Enthospitalisierungsprojekts Bremen/Kloster Blankenburg Dipl.-Päd. Dominique Arnaud, eine Ordensschwester der Missionarinnen Christi Dr. med. Ulrike Baier (MC), die bisher eine Krankenstation im Kongo geleitet und sich durch ein Praktikum an der psychiatrischen Universitätsklinik auf die Begleitung seelisch erkrankter Menschen vorbereitet hatte, die ehemalige Lektorin, spätere Sozialarbeiterin und Systemische Therapeutin Katrin Faber, den Germanisten und jetzigen Leiter des Sächsischen Psychiatriemuseums Thomas Müller. Schon zuvor in Dösen tätig gewesen war der langjährige Krankenpfleger und Psychologe Thomas Seyde, welcher später Psychiatriekoordinator der Stadt Leipzig wurde. Weitere übernahm Leitungsverantwortung u.a. der ehemalige evangelische Pastor Hans Martin Tolkmitt7.
Wir trafen uns im Vorfeld einige Male in unseren Wohnungen – und ab Projektstart wöchentlich in der Riebeckstraße. Bei diesen Besprechungen wurden von vielen langjährigen Patient:innen die Lebensgeschichten rekonstruiert. Die Logik der Krankengeschichten war die von verwalteten Leben, die der Logik der psychiatrischen Institutionen folgte; darüber hinaus waren manche biographischen Stationen bekannt. Dieser Prozess, mit Ähnlichkeit zu Wolfgang Janzens Konzept der „Rehistorisierung“, sollte den Betroffenen ihre persönliche Geschichte wieder zugänglich machen und sie von Mündeln der Institution zu selbstbestimmten Subjekten werden lassen. Die anschließende Fallvignette steht exemplarisch für die verwaltete Existenz eines Anstaltszöglings:
Frau Delacasa (1934-2010) wurde in Stettin geboren und wuchs in Heimen auf, bis zum 6. Lebensjahr im Bogenstift Ducherow/Anklam. Ihre Mutter soll an Fleckfieber gestorben sein; ihr Vater lebte in Westdeutschland, was zur Folge hatte, dass seine Kontaktwünsche behindert wurden. Nach der 6. Klasse verließ sie die Schule und arbeitete als Küchenhilfe in einem Kinderdorf. Als Jugendliche wurde sie auffällig und von Dr. W. aus Eisenach als schwachsinnig und psychopathisch veranlagt (Artung) diagnostiziert (mit der Begründung, sie sei seit jeher schwierig).
Von der zuständigen Sozialbehörde wurde sie in Mühlhausen-Pfafferode stationär untergebracht.
[6] Die Arbeit ist verschollen und ich erinnere die Autorin nicht mehr. Damals mussten die Ärzt:innen neben dem Staatsexamen eine medizinische Diplomarbeit ähnlichen Ausmaßes wie heute eine medizinische Doktorarbeit verfassen.
[7] Neben den ausdrücklich von mir benannten Personen gab es auch einige vom Bezirkskrankenhaus abgeordnete Vertreter, die zum Teil wesentliche Beiträge leisteten wie Andreas Musiol, aber auch Akteure die wesentlich im gewohnten Trott weitermachten wie etwa Dr. Zimmermann, ein Psychologe, der früher Leiter des ehemaligen Rehabereichs des BKH Leipzig-Dösen gewesen war.
|
Seite4
Abgesehen von einem gescheiterten Aufenthalt in einem Pflegeheim (Georgenthal) und dem nach einem Monat abgebrochenen Versuch einer Familienpflege (1950) blieb sie bis 1965 in Pfaffenrode. 1960 wurde ein Protest-Hungerstreik mit Zwangs-ernährung unter Narkose geahndet. Als sie sich in einen jungen Mann verliebte, verlegte man sie auf eine geschlossene Station – und wegen weiterer „renitenter Aktivitäten“ schließlich nach Waldheim. Sie lebte schon in Waldheim, als Wilhelm Poppe dort Ärztlicher Direktor wurde. Auch in Waldheim zeigte die junge Frau „unbotmäßiges Verhalten“, das als Widerstand gegen die herrschenden Verhältnisse sowie als mangelnde Krankheitseinsicht gewertet wurde und mehrere Elektrokrampfbehandlungen nach sich zog. In einem Interview hat Frau Delacasa beschrieben, wie die Indikation zur Elektrokrampfbehandlung gestellt und wie gegebenenfalls auch Insulinschockbehandlung von Direktor Poppe als soziales Disziplinierungsmittel gebraucht worden sind (vgl. Müller/Sitz 2020).
Verlegungen in forensische Einrichtungen waren in der DDR gängig bei sogenannten nicht führbaren Patient:innen. Die spätere Nervenklinik Waldheim war ein früheres Frauenzuchthaus (1886-1950), das nicht auf dem Gelände des Gefängniskomplexes für Männer stand. Der Gefängniskomplex beherbergte in seinen Mauern auch eine (bald forensische) Psychiatrie, heute eine sozialtherapeutische Abteilung. Aus Gründen der Geschlechtertrennung tauschte man den Bestimmungszweck der Gebäude; damit wurde das Frauenzuchthaus forensische Abteilung der Nervenklinik Hochweitzschen. Der berüchtigte dortige Direktor Wilhelm Poppe hatte nicht nur einen selbstherrlichen Umgangsstil; er vertrat auch selbst für die DDR ungewöhnlich repressive (scheinbiologische) Therapieansätze, so ließ er etwa Frauen ovarektomieren, weil er meinte, entdeckt zu haben8, dass der weibliche Zyklus einen ungünstigen Einfluss auf den Verlauf sogenannter endogener Depressionen hätte. In Kooperation mit der Neurochirurgie der Uni Leipzig wurden an männlichen schizophren Erkrankten stereotaktische Hirnoperationen mit therapeutischer Zielstellung durchgeführt. Dieser Chefarzt war Frau D. dann aber doch wohlgesonnen. Ihren Wunsch entsprechend nach Leipzig verlegt zu werden, meinte er eine geschlossene Unterbringung sei nicht mehr nötig und veranlasste eine Verbringung nach Leipzig Dösen (im Austausch gegen als noch renitenter erlebte Betroffene). Von dort kam sie bereits nach einem Monat in die Riebeckstraße. Frau D. war wahrscheinlich nie psychotisch gewesen, aber nunmehr eine versierte Anstaltsveteranin, die in der Hierarchie der Insassinnen eine Spitzenstellung einnahm und Widersetzlichkeit von Mitpatientinnen schon mal mir körperlicher Gewalt regelte, die sie jedoch nicht selbst ausüben musste – dafür standen ihr männliche Mitbe-wohner zur Seite, die von ihr etwa mit Zigaretten entlohnt wurden. Psychisch war sie vielleicht nicht ganz gesund, aber keinesfalls stationär behandlungsbedürftig. In der Enthospitalisierungsphase war sie eine hoch angepasste Auskunfts-person, die für Diplom- oder wissenschaftliche Arbeiten gern als Interviewpartnerin ausgewählt wurde. Frau Delacasa hatte viele Jahre außerhalb von Anstaltsmauern gearbeitet, so in Waldheim in Vollzeit in der Zigarrenfabrik und immer wieder in der Pflege bzw. Reinigung von Anstaltsliegenschaften.
Tatsächlich war sie lange Zeit offenbar vor allem deswegen psychiatrisch untergebracht, weil man auf ihre Arbeitskraft nicht verzichten wollte. Als sie ins Heim für soziale Betreuung in der Riebeckstraße kam, verzichteten Angehörige des DDR-Regimes auf eine weitere psychiatrische Etikettierung. Im Zuge der Abschaffung der Heime für soziale Betreuung in der DDR wurde Frau D. jedoch quasi automatisch wieder zur Psychiatriepatientin zurückgestuft[9] (vgl. Helsinkiprozess ab 1975).
Die Vertreter:innen des Enthospitalisierungsteams teilten eine subjektzentrierte Grundhaltung und vertraten darüber hinaus unterschiedliche inhaltliche Perspektiven. Schwester Ulrike z.B. erkun-dete auch die Glaubenserfahrung der Betroffenen und sah darin eine wesentliche Ressource.
[8] vgl. Klaus Weise, 1990, persönliche Mitteilung: Wahn, Wahn überall Wahn...
[9] Frau Delacasa ist bereits mehrfach als typische Langzeitinsassin vorgestellt worden. Ich mache das ebenso, will jedoch ihrem Leben keine neuen Aspekte abringen, sondern auf die Interaktion von unangepassten Individuen und kustodialen Einrichtungen verweisen. Wilhelm Poppe ist in meinen Augen kein politisch motivierter Täter, sondern ein perfekter, im Sinn von überangepasster, Protagonist des vormundschaftlichen Staats.
|