Augen

Der Gesamtplan zur Enthospitalisierung der Riebeckstraße 63. Ein Rückblick nach 35 Jahren

zum Gedenken an Peter Schütt +2013 Klaus Weise +2019 und Daniel von Traxel +1996


Von Ulrich Kießling


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Wir wollten eine individuell gerechte Zukunftsperspektive für diese ehemaligen Patient:innen ermöglichen – mit der Leitfrage: Mit welchen Unterstützungen können diese Menschen möglichst selbstbestimmt leben? Die anspruchsvollste Lösung stellte eine eigene Wohnung dar mit gelegentlichen Beratungen; die betreuungsintensivste Variante war Betreutes Wohnen in einer WG. Mit unseren zunehmenden Erfahrungen wurden die WG-Optionen immer skeptischer betrachtet, da Wohngemeinschaften eher große interpersonelle Kompetenzen erfordern.
Für die meisten Bewohner:innen war die regelmäßige Verabreichung einer neuroleptischen Medikation akzeptabel. Es gab jedoch auch eine Gruppe antipsychiatrisch gesonnener Psychoseerfahrener, die der Verabreichung von Psychopharmaka kritisch oder sogar völlig ablehnend gegenüberstand. In diesem Zusammenhang konnte es auch zu eskalierenden Szenen kommen, die den Einsatz von Polizeibeamten erforderlich machten10. In dieser Zeit konnten mehrere Suizide nicht von uns verhindert werden. Wir haben es so verstanden: Die Einsicht, doch auf Medikamente angewiesen zu sein, konnte besonders bei schizoaffektiv Erkrankten zu einer schweren emotionalen Kränkung führen, die letztlich den Tod als einzigen Ausweg erscheinen ließ.
Auch Kunstaktionen gehörten zu den Maßnahmen, die die Bewohner wieder als Akteur:innen ihrer Selbst in Szene setzen sollten. So baute das »Mobile Büro für Erdangelegenheiten« im Rahmen eines Kunstprojekts auf der Wiese am „Boot“ eine temporäre Installation. An der Aktion waren auch Bewohner der Riebeckstraße beteiligt. Der Fotograf Peter Thieme begleitete in zwei Projektphasen die Bewohnenden außerhalb und innerhalb der Institution. Die Beteiligten konnten sich dabei als Schaffende ihres Abbilds wie auch als Modelle künstlerischen Schaffens erleben.
Für Sonnabend den 13.7. 1992 waren alle Mitarbeiter:innen eingeladen zu einer offenen Podiumsdiskussion im Speisesaal der Riebeckstraße: Klaus Dörner11 als Impulsreferent sollte für die Seriosität einstehen. Als Nestor der westdeutschen Sozialpsychiatrie und Mitautor des meist-gedruckten Psychiatrielehrbuchs der Welt „Irren ist menschlich“ verkörperte er sowohl den humanitären Anspruch als auch die Machbarkeit eines solchen Projekts12. Viele langjährige Mitarbeiter der Riebeckstraße nahmen teil. Sie brachten deutlich ihren Missmut zum Ausdruck, fürchteten vor allem um den Erhalt ihrer Arbeitsplätze im öffentlichen Dienst und wollten keinesfalls bei freien Trägern wie dem „Boot“ tätig sein, was ihnen zu unsicher erschien. Vom damaligen und heutigen Träger Stadt Leipzig war niemand zur Veranstaltung erschienen. Die damalige Sozialdezernentin Frau Dr. Poenisch fürchtete ganz offenbar die selbstermächtigende Arbeitsweise des „Boots“ und befürwortete einen sicheren (sprich weisungsabhängigen) Träger – der sich damals mit dem Eigenbetrieb für Behindertenhilfe i.G. abzeichnete. Deren zukünftiger Leiter wiederum war ein ehemaliger Gewerkschaftsfunktionär, der als Geschäftsführer eines Nachfolgebetriebs der GISAG bereits beim Rückbau von DDR-Strukturen mitgewirkt hatte13.
Die erste erfolgreiche Ausgründung war dann auch ein Projekt in der wirtschaftlichen Trägerschaft dieses Eigenbetriebs: die Kontakt- und Beratungsstelle in der Bochumer Straße 26.
Maßgeblich getragen von Kathrin Schmutzler wurde über Jahre auch eine Kooperation mit dem „Boot“ unterhalten, bei der Seniorinnen aus der Riebeckstraße durch die Tagesstätte im Boot betreut wurden. Im Durchblick e.V. wurde ehemaligen Bewohner:innen der Riebeckstraße, die inzwischen in den ausgegliederten Sozialtherapeutischen Wohnheimen lebten, vom Leiter der Kunstgruppe Jens-Otto Didier ein künstlerisch-kreatives Angebot gemacht, aus dem mehrere Ausstellungsprojekte hervorgingen.


[10] Ein ehemaliger Klinikpatient hatte seine Nachbarin stranguliert, weil er sich von ihr beeinflusst fühlte. Methoden zur vermeintlichen Kontrolle über Halluzinationen bestanden etwa darin, alle Wasserhähne laufen zu lassen oder einen frei zugänglichen Stromkasten zu zertrümmern.

[11] Prof. Dr. med. et phil., damals noch Professor für Psychiatrie und Psychotherapie an der Universität Witten/ Herdecke

[12] Prof. Dörner hatte nicht nur als Initiator eines vergleichbaren Enthospitalisierungsprojekts in Gütersloh
bedeutende Arbeit geleistet; er war vor allem entschiedener Gegner einer sich auf Heime gründenden Altenhilfe.
Die Institutionalisierung des Alltagslebens von Unterstützungsbedürftigen war ihm ein Gräuel.

[13] Ironischerweise hatte die Abwicklung der GISAG tatsächlich den Jobverlust sehr vieler Beschäftigter zur Folge. Die Fähigkeit zur weisungsgemäßen Abwicklung von DDR-Großstrukturen führte also tatsächlich zum Befürchteten, während Projekte, die damals Neugründungen waren, wie der Verein zur Wiedereingliederung,
Das Boot und der Durchblick bis heute existieren und auch wirtschaftlich auf einem soliden Fundament stehen.

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Mit diesen Ausgründungen in eine andere Zukunft aber kam das Enthospitalisierungs-programm an sein Ende. Die Projektleitungen suchten sich neue Beschäftigungen, und die regionalen Enthospitalisierungsgruppen stellten ihre Tätigkeit ein. Andere freie Träger, so „Das Boot“, die Diakonie oder der Gutshof Stötteritz, der Angehörigenverein Wege e.V., die Psychiatriebetroffeneninitiative Durchblick e.V. und schließlich auch der Zweckbetrieb Behindertenhilfe mit dem Beratungszentrum Bochi verwirklichten in ihren jeweiligen Versorgungsgebieten einen größeren oder auch nur kleineren Teil der komplementären psychiatrischen Grundversorgung (Betreutes Wohnen, niedrigschwellige Beratung, Alltagsbegleitung in Tagesstätten, Arbeitsmöglichkeiten in Werkstätten oder Selbsthilfefirmen, beschützte Freizeitprogramme).
Bis heute hat sich jedoch keine Pflichtversorgung verwirklichen lassen, die die Träger zwingt, den gesamten notwendigen Umfang der komplementären psychiatrischen Versorgung anzubieten. Selbst wenn die gesamte breite Palette der Angebote vorgehalten wird, bleibt die Mehrzahl der Betroffenen unversorgt. Eine solche Versorgungspflicht würde vorrangig die Kostenträger verpflichten; aber auch die Träger der Dienste selbst lehnen eine Versorgungsverpflichtung ab – vielleicht weil sich damit im Zweifelsfall auch eine Verantwortung für einen konkreten Menschen benennen ließe.
Der lange Sommer der Revolution endete in einem Herbst der Konsolidierung. Leipzig ist bis heute mit besseren sozialpsychiatrischen Versorgungsstrukturen ausgestattet als andere deutsche Groß-städte. Der langjährige Leipziger Psychiatriekoordinator Thomas Seyde hatte dem Enthospitalisie-rungsprojekt nahegestanden; er trat in der Folge ein für eine regionalisierte Versorgung in der gesamten Stadt (jedoch ohne Versorgungspflicht der definierten Träger). Zu den Projekten aus der »Wendezeit« kamen – anders als im Jugendhilfebereich, dem anderen großen Problemfeld der sozialen Versorgung – keine neuen Träger hinzu; das ist einerseits ein Vorteil weil keine privaten Anbieter die lukrativen Betätigungsfelder besetzen, andererseits bremst es den Fortschritt und hemmt die Entwicklungsdynamik.
1994 wechselten Frau Arnaud und ich als wissenschaftliche Angestellte an die damalige Fach-hochschule Mittweida – immerhin aber mit genug Zeit und inhaltlicher Kooperations-bereitschaft, um das Projekt weiter unterstützen zu können. Auch die anderen Beteiligten übernahmen neue Aufgaben; Sr. Ulrike wurde von ihrer Gemeinschaft in einen anderen Dienst berufen, Thomas Müller gründete das Psychiatriemuseum, Katrin Faber wechselte mit der Bochi, die sie bis heute leitet, in die Trägerschaft des Eigenbetriebs. Hans Martin Tolkmitt hatte als einziger schon früher in der Riebeckstraße gearbeitet und hielt es dort aus, bis er nach wenigen Jahren emotional schwer angeschlagen unfreiwillig aus dem Dienst scheiden musste.

Als Fazit bleibt folgende Erkenntnis
Psychiatrische Versorgung ist hochgradig ideologieanfällig. Vom Kaiserreich bis in die DDR dominierte eine streng kustodiale und autoritäre Gesinnung; „Müßiggang ist aller Verblödung Anfang“ (Hermann Simon, 1929) könnte als Motto diese Epoche überschreiben. Nicht zufällig war der Forschungspreis der DGPN von 1971/2009 nach Simon benannt. Mit dem auf Rosa Luxemburg zurückgehenden „Freiheit heilt" [14] wäre die Gegenposition der institutskritischen Psychiatrie benannt.
Die Schließung der sogenannten Irrenanstalten hat aus vielen Langzeitpatient:innen Obdachlose und Gefängnisinsassen gemacht. 1992 in Barcelona, in dem Jahr, in dem der Gesamtplan zur Enthospitalisierung der Riebeckstraße geschrieben wurde, war ich erstaunt und auch befremdet, wie viele psychisch kranke Menschen auf der Straße lebten, auch solche, deren Zustand eher an einen Aufenthalt in der Akutpsychiatrie denken ließ.
Während in den letzten Jahren also die Selbstbestimmung der Patient:innen ein solches Maß angenommen hat, dass medikamentöse Zwangsbehandlungen selbst bei forensisch Unter-gebrachten in Deutschland kaum mehr möglich sind, nimmt die Zahl der Obdachlosen ständig zu. Die zurzeit einflussreichste Methode zur Bekämpfung der Obdachlosigkeit lautet „Housing first“. Wer würde da an Anstalten denken. Die Riebeckstraße 63 war die längste Zeit ihrer Existenz Arbeitshaus, Zwangsarbeitsanstalt und Heim für soziale Betreuung, also ein Ort zur sozialen Ausgrenzung und Internierung unerwünschter und unangepasster Menschen. Die Jüngeren werden erleben, was die Zukunft bringt. Ohne eine Gesellschaft, die humane Lebensumstände auch und gerade für die Menschen garantieren kann, die sich unangepasst verhalten, wird die „Anstalt“ als möglichst human gestaltetes Refugium für nicht vertragsfähige Menschen vielleicht nicht zu vermeiden sein.


[14] Franco Basaglia prägte den Ausruf „Freiheit heilt“ (La libertà è terapeutica) in den 1970er Jahren.


 

 

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