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Aktuelle Ausgabe 2/2022

 

Inhalt

1. Editorial
2. Rückblick 2022

3. Termine und Informationen

4. Buchempfehlungen

5. Ihre Unterstützung

6. Abonnement und Kontakt

7. Impressum

1. Editorial

Liebe Freundinnen und Freunde des Sächsischen Psychiatriemuseums!
Zum Abschluss des Jahres 2022 möchte ich Sie in diesem Newsletter über Ereignisse und Aktivitäten des Sächsischen Psychiatriemuseums informieren und einen Ausblick auf das kommende Jahr geben.
Ich wünsche Ihnen und Ihren Familien, auch im Namen der Kolleginnen und Kollegen des Durchblick e.V. und des Sächsischen Psychiatriemuseums, eine besinnliche Weihnachtszeit und einen guten Start in das neue Jahr.
Wir würden uns freuen, Sie dann auch wieder in unserem Haus begrüßen zu können.

Mit besten Grüßen
Ihr Thomas R. Müller
Sächsisches Psychiatriemuseum PS: Das Sächsische Psychiatriemuseum ist vom 28. bis 31. Dezember von 13 bis 18 Uhr geöffnet!

2. Rückblick 2022

Auch das Jahr 2022 war von den Auswirkungen der Corona-Pandemie geprägt. Immerhin konnten wir ab 20. Januar 2022 das Museum, wenn auch zunächst mit eingeschränkten Besucherkapazitäten, wieder öffnen. Die Leipziger Buchmesse und die im Rahmen von »Leipzig liest« geplanten Veranstaltungen in unserem Haus mussten abgesagt werden. Die Museumsnacht am 7. Mai 2022 konnte stattfinden, doch die Besucherzahlen blieben aufgrund der Zugangsbeschränkungen weit hinter den Zahlen der vergangenen Jahre zurück. Auch für das Symposium zum Projekt »Seelenarbeit im Sozialismus« am 30. Juni 2022 galten Beschränkungen.

Museumsnacht
Zur Museumsnacht am 7. Mai 2022 konnten wir die bereits 2021 fertiggestellte Tafelausstellung zum 20jährigen Jubiläum des Sächsischen Psychiatriemuseums erstmals einen größeren Publikum präsentieren. Gezeigt wurde außerdem die Ausstellung »Die Welt des Franz W. v. Bridschin. Erfinder, Lackierer, Zeichner, Alt-Scherbitz H. 11« mit einer Auswahl der Arbeiten des ehemaligen Altscherbitzer Patienten. In der Galerie wurde die Ausstellung von Arnhild Köpcke »Gedanken zur Malerei« mit einer Performance The Oval Language (Katja John, Klaus-Peter John & Geschlossene Gesellschaft Leipzig) eröffnet.

Symposium »Psychiatrie in der DDR zwischen Hilfe, Verwahrung, Missbrauch?«
Am 30. Juni 2022 fand in unserem Haus das Symposium in Zusammenarbeit mit dem Projekt »Seelenarbeit im Sozialismus« statt. Im ersten Teil der Veranstaltung sprachen Ekkehardt Kumbier (Rostock) über das Forschungsprojekt »Seelenarbeit im Sozialismus« (SiSaP) und den Stand der historischen Aufarbeitung der Psychiatrie in der DDR und Rainer Erices über die aktuellen Erkenntnisse zur Frage des politischen Missbrauchs der Psychiatrie in der DDR. Im Anschluss konnte die Ausstellung »Psychiatrie in der DDR zwischen Hilfe, Verwahrung, Missbrauch?« (Kathleen Haack) besichtigt werden. Im Mittelpunkt des letzten Veranstaltungsteils stand der Dokumentarfilm »Verwahrt und Vergessen – Psychiatrie in der DDR« (2021) von Ulli Wendelmann und Claudia Gründer. Nach der Aufführung des Films wurde kontrovers über die Möglichkeiten und Grenzen des in der ARD ausgestrahlten Films und über das im Film vermittelte Bild von der Psychiatrie in der DDR diskutiert.

Archiv der Sächsischen Psychiatriegeschichte nach 1945 Das vom Land Sachsen finanzierte Archiv-Projekt endet 2022. Dabei konnten der Teilnachlass von Klaus Weise, Archivbestände des Sächsischen Psychiatriemuseums und das ca. 500Blätter umfassende Konvolut mit Zeichnungen von Franz W. v. Bridschin in eine Datenbank eingearbeitet werden. Weiterhin wurden die Online-Ausstellung »Psychiatrie in Sachsen – das Jahr 1990« und ein dazugehörender Reader im Rahmen des Projektes erarbeitet.

Schreber-Sammlung erhält bedeutenden Zuwachs
Im Jahr 2011 hatte der Schreber-Forscher Gerd Busse dem Sächsischen Psychiatriemuseum sein Schreber-Archiv übergeben. Diese Sammlung bekommt nun eine bedeutende Erweiterung durch das Archiv von Han Isreals und Schreber-bezogene Dokumente aus dem Nachlass von Franz Baumeyer. Han Isreals hat mit dem auf seiner Doktorarbeit basierenden Buch »Schreber: Vater und Sohn. Eine Biographie« (1980, dt. 1989) einen bis heute äußerst bedeutenden Beitrag zur Schreber-Forschung geleistet. Von Franz Baumeyer erschien 1955 in der Zeitschrift Psyche der Aufsatz »Der Fall Schreber«, in dem er erstmals Krankenblätter und Abschriften aus den Akten von Schrebers Aufenthalt auf dem Sonnenstein publizierte und kommentierte. DGSP-Jahrestagung
Im November 2022 fand die Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Soziale Psychiatrie (DGSP) in Leipzig statt. Zum Rahmenprogramm der Tagung gehörte die psychiatriegeschichtliche Stadtführung des Psychiatriemuseums, die auf eine große Resonanz stieß.

3.Termine und Informationen

13. Januar 2023, 16.00 Uhr
Wie ist eigentlich DIE Haltung in der Sozialpsychiatrie?
Präsentation von Studierenden der HS Merseburg


29. April, 17 Uhr
Psychiatrie in der DDR III
Präsentation des im BeBra Verlag erscheinenden dritten Bandes
mit den Herausgebern und weiteren Autorinnen und Autoren


Leipziger Buchmesse, 27. bis 30. April 2023
»Leipzig liest« im Sächsischen Psychiatriemuseum


29. April, 17.00 Uhr
»Psychiatrie in der DDR III«
Präsentation des im BeBra Verlag erscheinenden dritten Bandes
mit den Herausgebern und weiteren Autorinnen und Autoren


weiterhin geplant
Sanne de Boer »Ndrangheta« (Aufbau Verlage)
Buchvorstellung mit der Autorin und dem Übersetzer Gerd Busse


Schreber-Archiv
Vorstellung des Archivs zu Daniel Paul Schreber im Sächsischen Psychiatriemuseum
mit Han Isreals, Gerd Busse und Thomas R. Müller


Zwischen Genie und Wahnsinn
Psychiatriegeschichtliche Stadtführung mit Thomas R. Müller
(genaue Termine folgen)


Vorankündigung
Museumsnacht
6. Mai 2023


Weitere Informationen folgen im nächsten Newsletter.

4. Buchempfehlungen

Dietmar Schulze
»Es wäre doch die verdammte Pflicht und Schuldigkeit der Anstalt, die Angehörigen des Patienten zu verständigen…«
Familien von »Euthanasie«-Opfern und ihr Schriftwechsel mit der Heil- und Pflegeanstalt
Kaufbeuren-Irsee

Für das Bildungswerk des Bayrischen Bezirketags herausgegeben von Stefan Raueiser und Andreas Burmester.
Grizeto Verlag, Irsee 2021
ISBN 978-3-9821217-4-1

Die 2021 im Grizeto Verlag im Auftrag des Bildungswerks Irsee des Bayrischen Bezirketags erschienene Publikation widmet sich einem im Rahmen der Forschungen zur »Euthanasie«-Geschichte noch immer vergleichsweise wenig beachtetem Thema – den Angehörigen der Opfer. In der Studie gibt der Historiker und ausgewiesene Kenner der NS-Psychiatrie-geschichte Dietmar Schulze den Familien der »Euthanasie«-Opfer der Heil- und Pflegeanstalt Kaufbeuren-Irsee eine Stimme. Die Basis der Arbeit bildet die Korrespondenz von Angehörigen mit der Anstalt in den 1930er und 1940er Jahren; ergänzt wird das Buch durch eine Aufstellung der Irseer »Euthanasie«-Opfer und durch Gespräche, die der Journalist und Autor Robert Domes in den letzten Jahrzehnten mit Angehörigen geführt hat.
In der Einführung erinnert Schulze an die Arbeit von Götz Aly (Die Belasteten), in der die Angehörigen unter den Verdacht gestellt wurden, sie hätten die Tötung ihrer Familien-mitglieder zumindest stillschweigend akzeptiert. Schulz betont, dass sich auf der Basis des von ihm ausgewerteten Quellenmaterials generalisierende Aussagen verbieten würden. Seine Analyse fokussiert sich auf die Teilanstalt Irsee und wertet die Krankenakten der »Euthanasie«-Opfer sowie eine umfangreiche Sammlung von Schriftstücken aus, die die Anstalt nach dem Abtransport der Patientinnen und Patienten keiner Krankenakte zuordnen konnte. Dabei gliedert Schulze das Material in drei zeitliche Abschnitte: 1940/41 (Gasmord in Grafeneck und Hartheim), 1944 und 1945 (dezentrale »Euthanasie«) und 1946 bis 1950 (nach dem Patientenmord). In jedem dieser Abschnitte dokumentiert und analysiert Schulze die Korrespondenzen von Angehörigen mit der Anstaltsleitung und zieht eine Zwischenbilanz.
In der ersten Phase der »Euthanasie« hatte es die Anstalt als »Abgabeanstalt« unterlassen, die Angehörigen – ausgenommen, sie waren Kostenträger – über die Verlegung der Patientinnen und Patienten zu informieren. Daher bezogen sich die Briefe der Angehörigen auf Fragen zum Grund und Ort der Verlegungen, auf die sie beispielsweise durch die Rücksendung von Paketen aufmerksam wurden. In den Briefen fehlten, so Schulze, zustimmende Äußerungen zur Krankenmord bzw. zum »Euthanasie«-Programm.
In der zweiten Phase, der dezentralen »Euthanasie«, fungierte Kaufbeuren-Irsee als Tötungsanstalt. In Unwissenheit dieses Faktums bedankten sich einzelne Angehörige für die Pflege der Patientinnen und Patienten, schickten sogar Geld. Angehörigen, die für einen Besuch anreisten, stellte die Anstalt sogar Übernachtungsmöglichkeiten auf dem Gelände zur Verfügung. Und die Angehörigen zeigten Verständnis für die angespannte Situation in der Anstalt. Deutliche Unmutsäußerungen habe es in Einzelfällen über die Art und Weise der Bestattung gegeben.
Die Zäsur nach 1945 spiegelt sich am ehesten in der Grußformel – statt »Heil Hitler!« nun »Hochachtungsvoll« oder »Mit besten Grüßen« – wider. Der Briefinhalt habe sich hingegen kaum geändert. Andererseits nutzte die Anstaltsleitung den Kontakt zu im Ausland lebenden Angehörigen, um dringend benötigte Medikamente und Medizintechnik zu erhalten. Eine Antwort auf die zu Anfang aufgeworfene Frage nach der Haltung der Angehörigen zu den Patiententötungen, so resümiert Schulze, könne auch nach der Auswertung der Irseer Korrespondenz nicht endgültig gegeben werden.
In der Einleitung zu seinen Angehörigengesprächen betont Robert Domes die heilsame Wirkung des Aufdeckens und Erinnerns.
Aus Scham war in vielen Familien das Schicksal der getöteten Angehörigen verschwiegen worden – eine Form der Selbststigmatisierung. Aus seiner Erfahrung sei es jedoch wichtig, sich mit diesen Schicksalen zu beschäftigen, Trauer zuzulassen, einen Abschied zu ermöglichen und damit die toten Angehörigen zu integrieren. Die Familien von Scham, Angst und Schuldgefühlen zu befreien, versteht Domes auch als Möglichkeit, etwas gegen die heutige Stigmatisierung behinderter und psychisch erkrankter Menschen zu tun.
»Ich bin stolz, dass die Wahrheit ans Licht gekommen ist. Mir wurde leichter ums Herz, als alles aufgeführt wurde von den Autoren im Buch. Es war teuflisch, was man meinem Bruder und meinem Vater angetan hat… Ich hätte meinen Bruder gerne nochmal sehen wollen. Es hat nicht sollen sein…«, sagt Amalia Speidel in den Erinnerungen an ihren Bruder Ernst Lossa, dessen Geschichte durch Michael von Cranach und den Film »Nebel im August« bekannt geworden ist. Sie spricht darüber, wie sie und ihre Schwester sich von Ernst im Kinderheim verabschiedeten, wie eine Postkarte kam, auf der geschrieben stand, dass es ihm gut ginge, wie ihr Vater sie einmal im Heim besuchte und sie danach zu hören bekamen, der »Zigeunerpapa« sei da gewesen. Als sie in den 1980er Jahren das Grab von Ernst auf dem Klosterfriedhof besucht habe, seien ihr die Tränen gekommen.
Thomas R. Müller


Bernhard Strauß, Rainer Erices, Susanne Guski-Leinwand, Ekkehardt Kumbier (Hg.)
Seelenarbeit im Sozialismus
Psychologie, Psychiatrie und Psychotherapie in der DDR
Psychosozial-Verlag, Gießen 2022
ISBN 978-3-8379-3152-5

»Das Gesundheitssystem galt in der DDR als Vorzeige-Errungenschaft des Sozialismus. Gleichzeitig betrachtete die Staatsführung bestimmte Disziplinen aber auch argwöhnisch als Orte von kritischem Denken und möglichem Widerstand. Insbesondere Psychiatrie, Psychotherapie und Psychologie hatten eine ambivalente Position zwischen Unterdrückung und Autonomieförderung inne.
Welche Rolle spielten diese Disziplinen? Und warum scheiterte das staatliche Fürsorge-versprechen insbesondere im Hinblick auf die psychiatrische und psychotherapeutische Versorgung? Diesen und weiteren Fragen gehen die Beiträgerinnen und Beiträger auf den Grund.« (Klappentext)

5. Ihre Unterstützung

Für die Finanzierung unserer Arbeit sind wir auf Drittmittel angewiesen. Dabei hilft uns jede Spende. Auf Wunsch stellen wir Ihnen gern eine Spendenquittung aus.
Spendenkonto: IBAN: DE 59 860205000003521400
BIC: BFSWDEE33LPZ (Bank für Sozialwirtschaft)
Stichwort: Psychiatriemuseum

6. Abonnement und Kontakt

Um den Newsletter abzubestellen oder mit uns Kontakt aufzunehmen, schicken Sie uns bitte eine Mai an:

7.Impressum

Herausgeber:Sächsisches Psychiatriemuseum
des Vereins Durchblick e.V.
Verantwortlich im Sinne des Presserechts: Thomas R. Müller
Redaktionsschluss: 20. Dezember 2022

www.psychiatriemuseum.de
www.durchblick-ev.de

© Sächsisches Psychiatriemuseum Mainzer Straße 7  04109 Leipzig

 

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