Ausstellung IRR-SINN

Einblicke in die Sächsische Psychiatriegeschichte

Wie erging es jemandem, der in der Vergangenheit von seiner Umgebung als verrückt, geisteskrank oder einfach nur seltsam angesehen wurde. Wo und mit welchen Methoden wurden psychisch kranke und sozial unangepaßte Menschen verwahrt und behandelt?

Unsere Ausstellung schildert Lebensgeschichten bekannter sächsischer Psychiatriepatienten und verfolgt die Entwicklung psychiatrischer Einrichtungen. Originale Objekte und Materialien geben einen authentischen Einblick in den Alltag der Psychiatrie. Zu sehen sind u.a. Zwangsmittel, Einrichtungsgegenstände, Fotos und Dokumente aus dem 19. und 20. Jahrhundert.

SONDERAUSSTELLUNG SCHICKSALE KARRIEREN INSTITUTIONEN

SONDERAUSSTELLUNG – Psychiatrie in der Wende

Psychiatrie in der Wende


Leipzig 1989 bis 1993

Die Massendemonstrationen im Herbst 1989 in Leipzig leiteten die „Friedliche Revolution“ in der DDR ein, die 1990 zur Wiedervereinigung führte.
In der Zeit der sogenannten „Wende“ standen alle gesellschaftlichen Bereiche
und Institutionen auf dem Prüfstand.
Auch die Psychiatrie war ein Teil dieser Bürgerbewegung. Psychiatriebetroffene und Mitarbeiter forderten eine Demokratisierung und Reform der Psychiatrie. Mit der Öffnung der Psychiatrie bekam dieses bisherige Tabuthema eine große öffentliche Aufmerksamkeit. Leipziger Bürger, Künstler und Politiker unterstützten die neuen Initiativen beim Aufbau alternativer Projekte in der Psychiatrie.
Die Sonderausstellung des Sächsischen Psychiatriemuseums stellt den Aufbruch der Psychiatrie in Leipzig 1989/90 dar und zeichnet die Entwicklung in der Psychiatrie und die vorläu•ge Konsolidierung der neuen Rahmenbedingungen und Strukturen bis zum Jahr 1993 nach.




Ausgangssituation


Psychiatrie in Leipzig und der DDR

Die Psychiatrie in der DDR war Ende der 80er Jahre von großen Unterschieden geprägt. Charakteristisch für diese Uneinheitlichkeit der Entwicklung war die Situation im damaligen Bezirk Leipzig.
In der Stadt Leipzig hatte sich seit den 70er Jahren eine gemeindenahe Versorgungsstruktur herausgebildet, die auch über die Grenzen der DDR hinaus anerkannt war. Dagegen herrschte aufgrund des materiellen Mangels und der Überbelegung in vielen Großkranken-häusern eine Verwahrpsychiatrie.
Im Vergleich der Psychiatrie in Deutschland Ost und West galten die guten Rehabilitationsbedingungen in der DDR und das einheitliche Sozialversicherungssystem als vorbildlich. Kritisiert wurde die fehlende Öffentlichkeit und Transparenz und die zum Teil menschenunwürdigen Bedingungen in vielen Einrichtungen.



Politisch missbraucht?


DDR-Psychiatrie zwischen Skandalisierung und Aufarbeitung

Bereits Anfang 1990 äußerte die Basisgruppe Psychiatrie des Neuen Forum Leipzig erste Vorwürfe zum Missbrauch der Psychiatrie im Bezirk Leipzig. Schließlich leitete eine Artikelserie über die „Folterklinik Waldheim“ in der Zeitschrift „Stern“ eine öffentliche Debatte über den vermeintlichen politischen Missbrauch der Psychiatrie ein, die über Jahre das Bild der DDR-Psychiatrie prägte. Die mit diesem Thema beschäftigten Untersuchungskommissionen kamen zu dem Ergebnis, dass es in der DDR keinen systematischen politischen Missbrauch der Psychiatrie gegeben hat.
Jedoch wurden systemimmanente Einzelfälle des Missbauchs festgestellt.
Die Zuspitzung der Debatte auf den Vorwurf des politischen Missbrauchs der Psychiatrie verstellte den Blick auf die katastrophalen Zustände in vielen psychiatrischen Einrichtungen und behinderte damit die notwendige Auseinandersetzung mit den fachlichen und gesellschaftlichen Ursachen der Verelendung in der Psychiatrie.



Psychiatrie und Politik


Bestandsaufnahme und Weichenstellung

Die demokratische Öffnung der Gesellschaft wurde auch innerhalb der Psychiatrie zum Signal der Auseinandersetzung mit den bestehenden Verhältnissen. Doch die „Wende“ in der Psychiatrie vollzog sich als ein vielschichtiger Prozess, der von unterschiedlichen Interessen beeinflusst wurde.
Auf politischer Ebene bildete der Bericht „Zur Lage der Psychiatrie in der ehemaligen DDR“ (1991) eine Bestandsaufnahme der Situation in der DDRPsychiatrie.
Die von Experten aus Ost und West geschilderten Unzulänglichkeiten und Missstände verlangten nach grundlegenden Reformen.
Beim Aufbau neuer Strukturen und Projekte brachten die Akteure ihre eigenen Erfahrungen ein. Modelle und Know-how aus dem Westen wurden gebraucht und genutzt, ohne auf Bewährtes zu verzichten.
Mit dem 1993 verabschiedeten „Ersten sächsischen Landespsychiatrieplan“ fand die Phase der Neuorganisation der Psychiatrie in Sachsen einen vorläufigen Abschluss.



Aufbruch in die Gemeinde


Vereine, Initiativen und Projekte

Die neuen Psychiatrie- Initiativen und Projekte veranstalteten im August 1990 einen „Tag der Leipziger Sozialpsychiatrie“ und warben in der Öffentlichkeit für Toleranz, Vielfalt und Verständnis.
Bereits seit Anfang 1990 hatte der „Verein zur Wiedereingliederung“ im Stadtteil Stötteritz das „Projekt Kommunale Psychiatrie“ entwickelt. Mit der Gründung weiterer Vereine entstand in Leipzig ein vielseitiges Netz gemeindenahe Angebote. Die Interessen der Psychiatriebetroffenen wurden von Selbsthilfeinitiativen wie dem Durchblick e. V. vertreten.
Die Gesellschaft für Kommunale Psychiatrie (GKP) war aus einer Initiative junger NervenärztInnen hervorgegangen und setzte sich für eine umfassende Psychiatriereform ein.
Ambulant tätige Mitarbeiter kämpften um die Übernahme des „Leipziger Modells“ in das bundesdeutsche Versorgungssystem.
Die Klinikdirektoren wurden bei ihrer Forderung nach Erhaltung der Großkrankenhäuser von der Bundesdirektorenkonferenz unterstützt.



Psychiatrie 1989–2008


Berichte von Zeitzeugen

Der Aufbruch in der Psychiatrie hatte viele Protagonisten: Mitarbeiter der Psychiatrie, Patienten und Angehörige, aber auch engagierte Bürger und Künstler. Ihre Motive, sich 1989/90 für eine grundlegende Veränderung der Psychiatrie zu engagieren, waren verschieden. Und auch ihre Biografien haben sich seit damals unterschiedlich entwickelt.
Für die Ausstellung wurden fünf Zeitzeugen zu ihren Erinnerungen an die Psychiatrie in der Wende und zu ihrer Einschätzung der aktuellen Situation der Psychiatrie in Leipzig befragt.

Flugobjekt

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SONDERAUSSTELLUNG SCHICKSALE KARRIEREN INSTITUTIONEN

SCHICKSALE – Sächsische Psychiatriepatienten

„Woyzeck!
Er kommt ins Narrenhaus.
Er hat eine schöne fixe Idee.“

Johann Christian Woyzeck (1780–1824)

Berühmtheit erlangt das Schicksal Woyzecks durch das gleichnamige Drama von Georg Büchner (1813–1837). Doch auch schon bei den Zeitgenossen erregt der Fall große Aufmerksamkeit. Nach jahrelangem juristischen und medizinischen Streit um die Bewertung der Zurechnungsfähigkeit des wegen Mordes Angeklagten wird Woyzeck 1824 auf dem Leipziger Markt hingerichtet.

Schreber

„Hat den lebhaften Wunsch, die Anstalt zu verlassen“

Daniel Paul Schreber (1842–1911)

1903 veröffentlicht der ehemalige Gerichts-präsident und gerade entlassene Psychiatrie-patient Daniel Paul Schreber seine Memoiren „Denkwürdigkeiten eines Nerven-kranken“. In dem Buchbeschreibt Schreber sein von der Außenwelt als „Wahnsystem“ definiertes Erleben und setzt sich gegen die Stig-mati-sierung durch Psychiatrie und Gesellschaft zur Wehr. Schreber gilt heute als der berühm-teste und meistzitierte Psychiatriepatient.

Flugobjekt

Erfinder, Künstler, Psychiatriepatient

Karl Hans Janke (1909–1988)

Fast vierzig Jahre lebt Karl Hans Janke als Patient in der Nervenklinik Hubertusburg. Während dieses Aufenthalts erfindet Janke Flugobjekte, Fahrzeuge und Instrumente. Tausende seiner faszinierenden Zeichnungen und Entwürfe sowie ein umfangreicher Schriftwechsel sind erhalten geblieben.

Lene Voigt

„Wir armen Irren“

Die Dichterin Lene Voigt (1891–1962)

Zum Markenzeichen der Lene Voigt wurden ihre „Säk’schen Glassiger“. Die mit Herz und Humor in sächsischem Dialekt verfassten Nachdichtungen klassischer Literatur erfreuen sich bis heute einer großen Beliebtheit. Doch zur Biographie der „Säk’schen Lorelei“ gehören auch Tragik und Angst. Ihre letzten Lebens-jahre verbringt Lene Voigt in Leipzig in der Psychiatrie.

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SONDERAUSSTELLUNG SCHICKSALE KARRIEREN INSTITUTIONEN

KARRIEREN – Sächsische Psychiater

„mitten unter meinen unglücklichen
irren Brüdern und Schwestern“

Christian August Fürchtegott Hayner (1775–1837)

Christian August Fürchtegott Hayner ist einer der einfluss­reichsten Protagonisten der säch­sischen Irren­reform zu Beginn des 19. Jahr­hunderts. Von den Ideen der Aufklä­rung inspiriert, engagiert sich Hayner als Arzt in der Landes­anstalt Wald­heim für eine humanere Behandlung der „Geisteskranken“.

Vom Reformpsychiater
zum Haupttäter der „Euthanasie“

Hermann Paul Nitsche (1876–1948)

Die Karriere des Psychiaters Hermann Paul Nitsche in der ersten Hälfte des 20. Jahr-hun-derts ist einzig-artig und zugleich symptomatisch für einen ärzt-lichen Tabu-bruch. Im vermeintlichen Interesse des „Volks-ganzen“ beteiligen sich Ärzte wie Nitsche im Natio-nal-sozia-lis-mus an der systematischen Tötung ihnen anvertrauter Menschen.

Euthanasie-Prozess

Dresdener Euthanasie-Prozess, 1947

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SONDERAUSSTELLUNG SCHICKSALE KARRIEREN INSTITUTIONEN

INSTITUTIONEN – Hospitäler, Irrenhäuser
und Anstalten in Sachsen

„Wenn man mit jemandem nicht wusste wohin, dann musste St. Georg herhalten“.

Das Georgenhospital in Leipzig

Seit seiner Gründung im 13. Jahrhundert werden mehr als sechs Jahrhunderte lang Menschen, die aufgrund ihres Verhaltens als „Narren“, „Irre“ oder „Geistes-kranke“ gelten, im Hospital St. Georg beherbergt oder inter-niert. Das Hospital spiegelt mit seiner sich wan-deln-den Funktion vom Kranken-haus zum Zuchthaus die jeweilige Haltung der Gesell-schaft gegenüber den Randgruppen wider.
 

„Von der Reformeinrichtung
zur Tötungsanstalt“

Pirna-Sonnenstein

Die Heil- und Pflegeanstalt Pirna-Sonnenstein

Der Sonnenstein verkörpert wie kein anderer Ort in Sachsen die zwei Gesichter der Psychi-trie. Als eine Musteranstalt für die humane Behand-lung der „Geistes-kranken“ Anfang des 19. Jahrhunderts gegründet, werden nur hundert Jahre später Tau-sende Betroffene ermordet, an ein und demselben Ort.

„Eine Stätte der Zuflucht und Ruhe am Rande der Großstadt“.

Die private „Irren-, Heil- und Pflegeanstalt Thonberg“

Die Irren-, Heil- und Pflegeanstalt Thonberg in Leipzig stellt im 19. Jahrhundert eine exklu­sive Alternative zu den öffentlichen Anstalten dar. Zahlungs­kräftige Patienten werden in der von Eduard Güntz gegrün­deten Privatanstalt in einer gediegenen Atmosphäre nach dem Prinzip der „Behü­tung, Herstellung und Pflege der An­ver­trau­ten auf die sanfteste Weise“ behandelt.
 
 

„Ab nach Dösen“

Doesen

Die Heilanstalt Leipzig-Dösen 1901–1945

1901 übernimmt die Heilanstalt Dösen weit-gehend die psychiatrische Versorgung in Leipzig. Das „Offen-Tür-System“ und der therapeutische Optimismus geben Anlass zur Hoff-nung auf eine Verbesserung der Be-hand-lung der Betroffenen. Doch unter dem politi-schen und wirtschaftlichen Druck von Staat und Gesell-schaft richtet sich die Psychia-rie zunehmend gegen ihre Patienten. Auch viele Dösener Patienten werden Opfer der natio-nal-sozia-listi-schen „Euthanasie“.

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